Love Factually – Können Dating Apps Liebe optimieren?

Tinder macht süchtig, oberflächlich und Spaß

Ich buche meinen Flüge mit einer App, schreibe meinen Einkaufszettel mit einer App und zähle beim Joggen verbrannte Kalorien mit einer App. Warum soll ich mich beim Daten auf die winzige Auswahl an Männern verlassen, die mir auf natürlichem Wege begegnen? Von denen ich meist nicht einmal weiß, ob sie Single und heterosexuell sind? Genau dafür gibt es tinder und Co. Neben dem nicht enden wollenden Boom des Online Datings gibt es ebenso nicht enden wollende Kritik daran. Wir werden oberflächlicher, ungeduldiger, sprunghafter und überhaupt sind wir gar nicht mehr in der Lage, echte menschliche Bindungen einzugehen – ohne nebenher noch weiterzusuchen, ob nicht doch etwas Besseres hinter dem nächsten Swipe wartet. Trotzdem kennt jeder immer irgendwen, der inzwischen mit seinem tinder-Date verheiratet und furchtbar glücklich ist. Eine urbane Legende?

Die Wissenschaft des Verliebens und OKCupid Hacks

Anwen Roberts hat sich auf der re:publica wissenschaftlich an das Thema Dating Apps herangemacht. Da ist sie nicht die erste. Gerade männliche Wissenschaftler mittleren Alters scheinen besonders oft den Versuch zu unternehmen, die Algorithmen von Dating-Webseiten zu hacken. Warum, darüber möchte ich jetzt keine Mutmaßungen anstellen. Der bekannteste OKCupid-Hack ist der des Mathematikers Chris McKinlay, der herausgefunden hat, welche drei Fragen im Anmeldeprozess die wichtigsten sind – soll heißen, welche bei Übereinstimmung eine außergewöhnlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Suchenden sich tatsächlich gut verstehen, erzeugt.

Das geht stark in die Richtung der 36 Fragen, nach denen man sich auf jeden Fall verliebt, die von der New York Times veröffentlich wurden. Sie stammen aus einer Studie des Psychologen Arthur Aron und zielen vor allem darauf ab, unter die Oberfläche zu gehen, also Fragen zu stellen, die gleichermaßen enthüllend und verbindend sind. Interessanterweise geht es hier nicht darum, ob die Antworten übereinstimmen, sondern um das Kennenlernen an sich. Der Algorithmus der meisten Dating-Plattformen hingegen versucht möglichst viele Übereinstimmungen zu finden. Chris McKinlay hat übrigens seine Traumfrau gefunden. Im echten Leben. Trotzdem glaubt er an Online Dating: das Wichtigste, da ist er sich aber sicher, passiert erst nach dem Kennenlernen.

Dating-Apps sind das, was man daraus macht

Bei tinder hingegen kann kein Algorithmus gehackt werden, denn es gibt keinen. Ganz ohne Fragen bekommt man Fotos von Personen des anderen Geschlechts präsentiert und entscheidet innerhalb von Sekundenbruchteilen, in welche Richtung man swiped. Das kann doch nur zu oberflächlichen Begegnungen führen. Anwen Roberts spricht in ihrem Vortrag vom falschen Versprechen der großen Auswahl: wenn ich nur genug potentielle Partner sehe, steigen die Erfolgschancen, den richtigen zu finden. Ein Trugschluss, denn vor allem führt große Auswahl zu kleiner Entscheidungsfreudigkeit. Unsere Zeit ist knapp. Wenn jemand beim ersten Date nicht zu 100% überzeugt, dann wird es eben kein zweites geben. Schließlich hat man schon fünf andere paarungswillige Exemplare in der Hinterhand. Und digitales Flirten ist sowieso viel bequemer als face-to-face Unterhaltungen – zumindest laut techno-kulturellen Fatalisten.

Wie bei allen Apps und vor allem wie bei allen Arten des Kennenlernens ist meiner Meinung nach jede Dating Plattform das, was man daraus macht. Wer nach One Night Stands sucht, findet sie. Wer seinen Partner betrügen möchte, der kann das tun. Ich kenne aber tatsächlich jemanden, der ganz wider Erwarten bei einer Dating App eine Person getroffen hat, die er im echten Leben mit selbst ausgedachten Fragen sehr gut kennengelernt hat und sehr, sehr gerne mag: mich.

 

Foto: Matthias Ripp on flickr

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