Schulz & Böhmermann und die Frage nach Qualität und Quantität

Über die Rückkehr von Roche & Böhmermann ohne Roche, dafür mit Olli Schulz, lässt sich streiten – und wurde auch schon ausgiebig gestritten. Da möchte ich jetzt auch gar nicht mitmachen, nur so viel: irgendwie guckt man’s ja doch. Mal abgesehen von angesägten Stühlen, Partyhütchen und Orgasmus-Fun-Facts wurden ein paar ganz spannende Themen angeschnitten. Eines davon interessiert uns bei Voice Republic schon seit einer Weile.

Selfie- Journalismus oder Berichterstattung?

Die bei der ersten Sendung von Schulz & Böhmermann vielbeklagte katastrophale Frauenquote wurde diesen Sonntag mit fast ausschließlich weiblichen Gästen auf jeden Fall wieder ausgeglichen. Der einzige, der sowohl von Sibylle Bergs Einspieler als auch von den Gastgebern veralbert, zuweilen auch attackiert wurde, war Bild-Journalist Paul Ronzheimer.

„Der muss das abkönnen“, dachte man sich wohl, und konnte er auch, zumindest schien er sich darauf eingestellt zu haben und  vergaß selten das amüsierte „Macht-euch-nur-lustig-ich-hab-von-allen-hier-die-größte-Reichweite“-Lächeln. Ronzheimer ist dafür bekannt, dass er in sogenannten Krisengebieten sein Leben riskiert – für möglichst nahe und empathische Berichterstattung, wie er sagt, für Selfie-Journalismus, wie andere sagen.

Muss denn immer alles live gestreamt werden?

Für Ronzheimer ist schon allein der Fakt, dass er vor Ort ist, direkt in der Schusslinie, Anzeichen für gute Berichterstattung. Ob er sich als investigativer Journalist bezeichnen würde, will Jan Böhmermann wissen. Paul Ronzheimer meint: BILD-Reporter reicht. Hier steht tiefgehende Recherche, das Aufzeigen von Gründen und Zusammenhängen, das Herausarbeiten wirklich neuer Informationen, also das Investigative, gegen pures Zeigen. Ronzheimer ist stolz darauf, die Flüchtlinge auf ihrer Route ganze 21 Tage begleitet und dabei mit seinem Handy gefilmt, zum Teil live gestreamt zu haben. Aber macht die Masse an Bildern guten Journalismus? Bedient sie nicht einfach nur Voyeurismus und bringt keinen Mehrwert?

Bilderflut vs. Einordnung

Das Thema kommt erneut auf, als auch Nora Tschirner sich an der Diskussion beteiligen darf. Sie setzt sich derzeit für das Projekt Perspective Daily ein, das für eine neue Art der Berichterstattung steht. So ganz genau kann man sich nicht vorstellen, was auf dieser Plattform passieren soll, allerdings ist klar, was nicht passieren soll: reine Sensationsberichterstattung. Paul Ronzheimer runzelt die Stirn. Nora Tschirner relativiert: der „direkte Einblick“ hat bestimmt manchen Zuschauern was gebracht. Die Möglichkeit den Livestream zu kommentieren und Fragen zu stellen (Wo hat der syrische Flüchtling die teure Sonnenbrille her?), hilft vielleicht sogar, Hass-Foren zu vermeiden. Was aber eigentlich das Wichtigste am Journalismus ist, weiß Nora Tschirner auch: Einordnung. Auch wenn die BILD-Zeitung mehr Stunden Flüchtlingszug live gestreamt hat als der öffentliche Rundfunk, macht Quantität noch keine Qualität. Daran glaube zumindest ich.

Foto: © ZDF 

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