Transcript: „Leben mit der Bedrohung“ Eröffnungsrede zum IPPNW-Kongress

Dr. Alex Rosen (IPPNW): „Leben mit der Bedrohung“

Eröffnungsrede zum IPPNW-Kongress „5 Jahre Leben mit Fukushima – 30 Jahre Leben mit Tschernobyl“

Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe KongressteilnehmerInnen,
Liebe Gäste,

Es ist mir eine große Ehre, heute diesen Kongress mit meiner Rede eröffnen zu dürfen und ich freue mich ganz besonders, dass so viele von Euch gekommen sind. Die meisten von euch haben eine lange Reise auf sich genommen um heute Abend hier zu sein. Auch von mir und von Seiten des Vorstands der IPPNW Deutschland ein herzliches Willkommen zu diesem besonderen Kongress hier in Berlin.

Es ist ein besonderer Kongress, denn dies ist ein besonderes Jahr. Wir gedenken der Atomkatastrophen von Tschernobyl vor 30 Jahren und von Fukushima vor 5 Jahren.
Denn wir sind nicht bereit zu vergessen –

Den 26. April 1986: der brennende Reaktorrumpf, die hilflosen Rettungskräfte, junge Menschen aus der gesamten Sowjetunion, die mit bloßen Händen strahlende Schuttteile über das Dach des Reaktorgebäudes trugen – als menschliche Roboter, weil elektrische Geräte wegen der hohen Strahlung nicht funktionierten; die radioaktiven Wolken, die quer über Europa zogen – dem Zufall der Windrichtung folgend; Kinder mit Fehlbildunge, Menschen mit Krebs …

Wir sind nicht bereit, zu vergessen –

Den 11. März 2011: Erst das Erdbeben, kurz darauf der gigantische Tsunami und dann
die Meldung: „Im Atomkraftwerk Fukushima Dai-Ichi ist die Kühlung ausgefallen“. Ein Reaktor nach dem anderen explodiert – fliehende Menschen, Chaos, Verzweiflung, Babys, die mit Geigerzählern auf Strahlung untersucht werden, leere Geisterstädte, Kinder, die mit Strahlenmessgeräten zur Schule gehen oder auf ihre Schilddrüsenuntersuchung warten, Hügellandschaften aus blauen Säcken kontaminierter Erde und Menschen, die alles verloren haben und vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Diese Bilder haben sich ins unser Gedächtnis eingebrannt und können nicht ungeschehen gemacht werden. Sie dürfen nicht vergessen werden.

Wir in der IPPNW, die diesen Kongress nun seit rund zwei Jahren vorbereiten, suchen als Ärztinnen und Ärzte immer nach den Ursachen von Problemen, denn wir wissen, dass es keine gute Medizin ist, nur Symptome zu behandeln statt an die Wurzel des Problems zu gehen. Die Kernschmelzen von Tschernobyl und Fukushima waren keine losgelösten, zusammenhanglose Ereignisse, sondern Symptome eines viel größeren Problems – der atomare Bedrohung, unter der die Menschheit seit mehr als 70 Jahren lebt.

Die Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima sind lediglich die prominentesten Beispiele für das enorme menschliche Leid, die generationsübergreifenden gesundheitlichen Folgen und die ökologische Zerstörung, die das Atomzeitalter von Anfang an kennzeichneten. Erlaubt mir an dieser Stelle einen kurzen historischen Ausflug.

Am 16. Juli 1945 begann das Atomzeitalter mit der Detonation der ersten Atombombe
in Alamogordo in der Wüste von New Mexiko. Mit der Entwicklung der Atombombe hatten sich die beteiligten Wissenschaftler den Allmachtsphantasien der Militärs untergeordnet und die furchtbaren Konsequenzen der neuen Super-Waffe völlig ausgeblendet – die gezielte Zerstörung ganzer Städte, den Massenmord hunderttausender unschuldiger Zivilisten, die langfristige Verseuchung unserer Umwelt mit tödlicher Radioaktivität und nicht zuletzt die sehr reelle Möglichkeit, alles Leben auf diesem Planeten auszulöschen.
Albert Einstein, der die Bedeutung dieser neuartigen Waffe wohl als erster in ihrer wahren Dimension erkannte sprach damals die berühmten Worte: „Die entfesselte Macht des Atoms hat alles verändert, nur nicht unsere Denkweise“. Wie hängt all das nun mit den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima zusammen? Nun, man muss wissen, dass der zivile und der militärische Teil der Atomindustrie von Anfang an zwei Seiten derselben Medaille waren – und es bis heute sind.

Das Plutonium, das damals für die ersten Atombomben benötigt wurde, musste zunächst in Atomreaktoren „erbrütet“ werden. Die enorme Energie, die dabei entstand führte bei den Militärs zu der perfiden Idee, der Menschheit die Produktion von waffenfähigem Plutonium als Lösung für den steigenden Energiebedarf zu verkaufen.

Nach dem Schrecken von Hiroshima und Nagasaki wurde unter dem verlogenen Motto „Atoms for Peace“ eine gigantische Werbekampagne losgetreten, die den Menschen die berechtigte Sorge um die Unkontrollierbarkeit der Kernspaltung und die zunehmende nukleare Proliferation nehmen sollte. Ob in den USA, der Sowjetunion, Europa oder Japan – die Heilsversprechen der Atomlobby und der immense politische Druck mit dem die Atomenergie durchgedrückt wurde verfehlten ihre Wirkung nicht. Und so wurden weltweit Atomkraftwerke hochgezogen, die volkswirtschaftlich sinnlos und von Anfang bis Ende ein gigantisches Subventionsprogramm waren. Steuergelder wurden in bisher ungekannter Größe in Forschung, Entwicklung und Konstruktion gesteckt – und die Atomunternehmen der ‚lästigen‘ Haftungspflicht weitgehend enthoben.

Diese fuhren somit ohne großes Risiko enorme Profite ein, während die Bürden der Atomtechnologie von der Bevölkerung getragen wurden. Auf diesen Punkt möchte ich kurz detaillierter eingehen, denn er ist wichtig, um das vollständige Ausmaß der ökologischen und gesundheitlichen Folgen der Atomindustrie zu verstehen. Vier Gründe, weshalb die Bevölkerung die Bürden der Atomtechnologie trägt:

Erstens – Atomwaffen und Atomkraftwerke benötigen beide Uran. Und dieses muss zunächst aus der Erde geholt werden. Durch den Uranbergbau entstanden atomare Wüsten, mussten grüne Hügellandschaften und Flussauen radioaktiven Schlammhalden und strahlenden Abwasserbecken weichen. In den heiligen Orten der Native Americans der USA, der First Nation Kanadas, der Aborigines in Australien, der Adivasi in Indien, aber auch hier in Deutschland, im sächsischen Erzgebirge und im thüringischen Vogtland.

Zweitens – Selbst im Normalbetrieb sind Atomkraftwerke eine Gefahr für die Bevölkerung. Studien in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz zeigen einen signifikanten Anstieg von Krebserkrankungen bei Kindern, die in der Umgebung von Atomkraftwerken aufwachsen. Vor allem Leukämien finden sich hier mehr als doppelt so häufig wie in der restlichen Bevölkerung – je näher die Kinder am AKW leben, umso häufiger erkranken sie. Und auch die Arbeiter in den Atomanlagen und ihre Familien – sie alle zeigen erhöhte Krebsraten – wenn man danach schaut.

Drittens – Das Risiko einer unkontrollierbaren Atomkatastrophe besteht in jedem AKW, in jedem Land, jeden Tag. Wenn Tschernobyl und Fukushima uns eines gezeigt haben, dann das.

Und viertens: Die ungeheuren Mengen an strahlendem Atommüll, dieses vergiftete nukleare Erbe, dass wir über die letzten 70 Jahre angehäuft haben, werden noch viele zukünftige Generationen belasten. Sie werden uns dafür verfluchen, denn sie werden an Krankheiten leiden, die sich selbst nicht verursacht haben und sie werden zahlen müssen für eine Technologie, von der sie nicht profitieren.

Beispiel Deutschland, wo die Uranminen der deutsch-sowjetischen Wismut-Gesellschaft Jahrzehntelang die Landschaft verseuchten. Die Entfernung gefährlicher Umweltgifte und die Sicherung der radioaktiv kontaminierten Abraumhalden und Abwasserbecken, der Stollen und Tagebauanlagen haben die deutschen Steuerzahler bereits jetzt Milliarden gekostet und werden noch für Jahrhunderte fortgeführt werden müssen. Längst ist mehr Geld in die Beseitigung der ökologischen Katastrophe des Uranbergbaus gesteckt worden als das geschürfte Uran je wert war. Zudem gibt es bis heute keine auch nur ansatzweise vernünftige Lösung für die Entsorgung von tausenden Tonnen hochradioaktiven Atommülls aus abgebrannten Brennstäben, der für die Menschheit länger eine Gefahr darstellt als wir überhaupt zu denken wagen. Wie wird Deutschland, wie wird die Welt in 100, in 1.000, in 10.000 Jahren aussehen und wie schützt man Menschen und Umwelt vor den todbringenden Hinterlassenschaften des atomaren Zeitalters?

Wir sehen also: während die Unternehmen die Profite einfuhren, trug die Bevölkerung das Risiko, die Last und die Folgen der gefährlichen Atomtechnologie. Und während die Atomkraft weltweit mit Geld und Macht gegen die Interessen der Bevölkerung durchgedrückt wurde, entstand (wie praktisch) ganz nebenbei für die Militärs eine nahtlose Infrastruktur vom Uranbergbau, über Aufbereitung und Transport von spaltfähigem Material bis hin zur Produktion von todbringendem Plutonium für atomare Sprengköpfe. Der Plan der Militärs war aufgegangen – und straft bis heute den Slogan „Atoms for Peace“ Lüge. Statt die Menschheit von allen Energiesorgen zu befreien, bescherte die Atomtechnologie ihr die ultimative Waffe, deren zerstörerisches Potential den Menschen zum Gott macht, in der Lage, alles Leben auf diesem Planeten mit dem Druck eines Knopfes auszulöschen.

Auch ohne Atomkrieg sind seit 1945 mehr als 2.000 Atombomben gezündet worden. Der Fallout dieser Atomwaffentests hat die halbe Welt mit gesundheitsschädigender Radioaktivität überzogen – kein Ort der nördlichen Hemisphäre, wo sich nicht radioaktives Cäsium im Boden finden ließe. Dies ist das Ende der sogenannten Nuklearen Kette, die beim Uranbergbau beginnt und mit radioaktivem Fallout, Atommüll und strahlenden Abraumhalden endet.

Man muss es an dieser Stelle in aller Klarheit sagen: Ohne die militärischen Atomwaffenprogramme gäbe es keine zivile Atomindustrie – und ohne die zivile Atomindustrie keine Atomwaffen. Die beiden Seiten der Atomindustrie sind untrennbar mit einander verbunden und man wird sich die Zähne ausbeißen bei dem Versuch, sie getrennt zu beenden. Solange Atomkraftwerke waffenfähiges Plutonium produzieren, wird es immer möglich sein, neue Atombomben zu bauen und solange Staaten Atomwaffen besitzen dürfen, werden sie die volkswirtschaftlich sinnlose Atomenergie weiter fördern.

Unsere IPPNW-Ausstellung „Hibakusha Weltweit“, die ihr an diesem Wochenende hier im Foyer der Urania in Ausschnitten besichtigen könnt, zeigt diese Zusammenhänge anhand konkreter Fallbeispiele und macht die gesundheitliche und ökologische Zerstörung sichtbar, die diese unmenschliche Technologie über die Welt gebracht hat. Ich benutze dieses Wort an dieser Stelle ganz bewusst – unmenschlich. Und ich meine damit nicht nur die Atomwaffen, sondern ganz explizit auch die zivile Atomkraft. Auch sie ist zutiefst unmenschlich, da sie die menschlichste aller Eigenschaften nicht duldet – nämlich DIE, Fehler zu machen. Menschen machen Fehler. Und menschengemachte Technologie ist fehleranfällig. Wir können uns als Menschheit keine Technologie leisten, die Fehler nicht zulässt.

Der ehemalige japanische Regierungschef Naoto Kan gab nach Fukushima zu, dass die Metropolregion Tokio mit ihren rund 37 Millionen Bewohnern nur durch “eine Reihe glücklicher Zufälle” und “göttliche Fügung” vor der radioaktiven Wolke bewahrt wurde. Wir erinnern uns an die Bilder der hilflosen Menschen in Tokio, denen nichts Anderes übrig blieb, als auf die Wettervorhersage zu schauen und zu hoffen, dass der Wind bloß nicht nach Süden dreht. Eine radioaktive Verseuchung Tokios hätte nicht nur für die Menschen dort katastrophale Folgen gehabt, es hätte den Kollaps des Landes bedeutet – so Naoto Kan, der damals die Verantwortung trug und aus den Ereignissen im Frühjahr 2011 die einzig verantwortungsvolle Schlussfolgerung zog: er verkündete die Notwendigkeit, in Japan vollständig aus der Atomenergie auszusteigen. Diese mutige Entscheidung war sein politischer Selbstmord in Japan – einem Land, in dem der Einfluss der Atomlobby auf die Politik so groß ist wie in wohl keinem anderen Land der Welt. Nach dem Willen dieser Lobby sollte die Akte Fukushima – wie schon die Akte Tschernobyl, so schnell wie möglich geschlossen werden und die Japaner die Atomkraft wieder positiv sehen. Und so gehen in diesen Tagen in Japan die ersten Atomkraftwerke wieder ans Netz – gegen den erklärten Willen der Mehrheit der japanischen Bevölkerung. Die Betreiberfirmen wissen um die Risiken, verleugnen sie aber.

Auch hier in Deutschland haben die Energiemonopolisten mit dem Leben und der Gesundheit der Menschen jahrzehntelang gepokert; mit hohen Einsätzen – und unvorstellbar hohen Gewinnen. Die Gefahr eines Super-GAUs in Bayern, in Hessen oder in Niedersachsen haben sie dabei bewusst in Kauf genommen – ebenso wie TEPCO dies in Japan getan hat. Die Betreiberfirmen wissen: wenn die Risiken der Atomkraft objektiv beurteilt würden, wäre kein AKW je ans Netz gegangen. Atomkraft ist und bleibt die gefährlichste Methode die es gibt, um Wasser zum Kochen zu bringen. Und nicht nur die Industrie, auch die Politik weiß um das Risiko der Atomkraft – und das nicht erst seit 2011. Die Politiker, die über all die Jahre durch Gesetze, Geldgeschenke und konsequentes Wegsehen der Atomindustrie freies Spiel ließen – sie tragen eine große Mitverantwortung. Es war verlogen, nach Fukushima so zu tun, als hätte man nicht ahnen können, dass solch ein Unglück geschieht. Man hatte schlichtweg die Profite der Unternehmen und den politischen Einfluss der mächtigen Atomlobby über die Interessen der Bevölkerung und die öffentliche Gesundheit gestellt.

Was also kann eine Organisation wie die IPPNW, was können Einzelne diesem gigantischen Problem, dieser mächtigen Lobby, diesen militärischen und wirtschaftlichen Interessen entgegensetzen?

Vielleicht schlicht und einfach eine andere Art und Weise, das Thema zu betrachten. Unser menschliches und ärztliches Vorbild Albert Schweizer sprach von der „Ehrfurcht vor dem Leben“, an der wir all unser Handeln messen sollten. Vielleicht ist diese einfache Formulierung unser mächtigstes Werkzeug. Ehrfurcht vor dem Leben. Vor allem Leben – nicht nur dem menschlichen. Wer religiös ist, mag von der „Erhaltung der Schöpfung“ sprechen – am Ende meinen wir doch das selbe: wir können und wir dürfen unseren Planeten nicht mit immer größeren Mengen an Radioaktivität überziehen. Wir täten gut daran, die Forderung der indigenen Bevölkerung zu achten, deren Heimat durch den Uranbergbau in atomare Wüsten verwandelt wird: „Keep Uranium where it belongs – under ground.“ – „Lasst das Uran wo es hingehört – unter der Erde!“ In den letzten 70 Jahren haben wir schon zu viel dieses unglückseligen Stoffes in Umlauf gebracht. Längst haben wir den Überblick darüber verloren, wo überall menschengemachte Radioaktivität verteilt ist.

Hierzu eine kurze Anekdote: im tschechischen Atomkraftwerk Temelín fiel vor einigen Wochen ein Besucher durch erhöhte Strahlenwerte auf. Man untersuchte ihn ausführlich, fand aber keine Spuren von Radioaktivität an seiner Kleidung oder seiner Haut. Dennoch strahlte sein Körper. Es kam heraus, dass er kurz zuvor ein selbst geschossenes Wildschwein verzehrt und nun erhöhte Cäsiumkonzentrationen im Körper hatte – Cäsium, das durch die radioaktiven Wolken des Tschernobyl Super-GAUs über ganz Mittel- und Osteuropa verteilt wurde und das in diesem Jahr, dem 30. Jahrestag der Atomkatastrophe, seine erste physikalische Halbwertszeit erreicht hat. Auch der Rückbau der Atomkraftwerke in Deutschland wird uns noch vor bislang ungeahnte Probleme stellen, was die Verteilung von Radioaktivität in der Umwelt angeht. Abgesehen davon, dass wir weiterhin nicht wissen, wo wir den hoch radioaktiven Strahlenmüll aus den Brennstäben einigermaßen sicher für die Ewigkeit unterbringen können, planen Betreiber und Behörden, die immensen Mengen an schwach- und gering gradig verstrahltem Müll „freizumessen“ – also beispielsweise die kontaminierten Armaturen, Beton, Metall oder Kunststoffteile aus den ausgedienten Reaktoren. „Freimessen“ bedeutet im Extremfall, sie so lange mit unverstrahltem Müll zu verdünnen, bis die gesetzliche Grenzwerte gerade so unterschritten werden – um sie dann der regulären Abfallentsorgung zuführen zu können. Die Gefahr bei dieser Milchmädchenrechnung liegt auf der Hand: enorme Mengen an Radioaktivität werden plötzlich in unserem Alltag auftauchen – in unseren Kochtöpfen, Heizkörpern oder Baumaterialien. Wer wird diese Strahlung messen, wenn sie einmal im Umlauf ist? Gäbe es nicht Alternativen? Wer sagt beispielsweise, dass ein AKW überhaupt zwangsläufig „zurückgebaut“ werden muss. Wäre es unter Umständen im Einzelfall nicht sicherer und gesünder, das AKW für alle Zeit zu versiegeln – und als Mahnmal an die Hybris vergangener Generationen stehen zu lassen? Auch über dieses kontroverse Thema werden wir in den kommenden Tagen sicher reichlich diskutieren können.

Ihr merkt, es ist kein einfaches, kein angenehmes Thema, über das wir hier sprechen. Und wir verzweifeln immer wieder an der Monströsität und dem Gefühl der Hilflosigkeit angesichts von so viel Leid und Unrecht. Wir Ärzte kennen das aus unserem klinischen Alltag. Unangenehme Themen für Menschen greifbar und begreifbar zu machen – das ist die große Herausforderung, vor der wir oft stehen – in der Praxis, im Krankenhaus aber auch in unserer politischen Arbeit. Gedenktage sind hier ein hilfreiches Werkzeug, komplexe Themen auf konkrete, fassbare und erfassbare Ereignisse zuzuspitzen, daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten und Menschen erfolgreich zum Handeln zu motivieren.

Letztes Jahr haben wir zum Beispiel weltweit an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnert – und uns anschließend in unserer Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) daran gemacht, auf UN-Ebene die notwendigen Schritte hin zu einem Verbotsvertrag von Atomwaffen anzustoßen. Nun also dieses Jahr die beiden Gedenktage – 30 Jahre Tschernobyl und 5 Jahre Fukushima. Diese Daten wollten wir zum Anlass nehmen, um das verdrängte Thema der anhaltenden Folgen der Atomkatastrophen wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und die richtigen, die wichtigen Fragen zu stellen:

Was bedeuten die Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima 30, bzw. 5 Jahre später für uns – als WissenschaftlerInnen, als BürgerInnen, als Menschen? Was bedeutet es für uns als Menschheit, dass wir unsere Welt immer weiter radioaktiv verseuchen? Welches Erbe hinterlassen wir unseren Nachkommen?

Diese schweren Fragen und viele mehr haben wir uns während der Vorbereitung des Kongresses in den letzten beiden Jahren immer wieder gestellt. Die meisten Diskussionen ließen uns mit noch mehr Fragen zurück. Eines war uns jedoch von Anfang an klar:

Dass es sich bei den beiden Atomkatastrophen nicht um abgeschlossene, historische Ereignisse handelt, sondern um andauernde Tragödien, die das Leben von Millionen von Menschen bis heute massiv beeinträchtigen. Diese Tatsache kann nicht genug betont werden. Noch immer sind große Flächen radioaktiv verstrahlt – in Fukushima fließen täglich hunderte Tonnen radioaktives Abwasser ins Meer. Noch immer harren knapp hunderttausend Strahlenflüchtlinge in Japan in Behelfsunterkünften aus. Noch immer leben Millionen Menschen in ganz Japan, Weißrussland, der Ukraine, Russland und dem Rest Europas jeden Tag mit den Folgen der Atomkatastrophen. Noch immer benötigen die ehemaligen Liquidatoren und die Bewohner der am schwersten kontaminierten Gebieten Unterstützung – auch unsere. Ihnen allen ist dieser Kongress gewidmet und so haben wir uns bewusst für den Titel „5 Jahre Leben mit Fukushima – 30 Jahre Leben mit Tschernobyl“ entschieden – auch um ein Zeichen zu setzen – gegen das Vergessen, das Verdrängen und das Verleugnen.

Es geht uns als IPPNW dabei nicht primär darum, möglichst genau die Anzahl der Krebsfälle abzuschätzen, die durch die Atomkatastrophen verursacht werden. Ja – wir wissen heute bereits viel mehr über die gesundheitlichen Folgen ionisierender Strahlung als noch vor 30 Jahren, über das Risiko von Krebs- oder Herzkreislauferkrankungen, das proportional zur Strahlendosis ansteigt, und über die genetischen und transgenerationellen Effekte. Doch wir wissen weiterhin viel zu wenig über die tatsächlich freigesetzten Strahlenmengen oder die Kontamination der Nahrung und somit über die Gesamtstrahlenlast, der die Bevölkerung ausgesetzt wurde um wirklich verlässliche Abschätzungen treffen zu können. Strikte Geheimhaltung, Vertuschung und Lügen behindern bis heute die wissenschaftliche Aufarbeitung – sowohl in der ehemaligen Sowjetunion als auch in Japan.

Unabhängige Messungen und Studien werden benötigt, um die gesundheitlichen Konsequenzen für die betroffene Bevölkerung zu verstehen, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zukünftige Generationen durch neue Erkenntnisse vor den Folgen der Strahlung besser zu schützen. Die umfangreichen Datenbanken der sowjetischen Tschernobyl- Forschungszentren müssen von Wissenschaftlern analysiert werden, an denen nicht der Verdacht klebt, der Atomindustrie zuzuarbeiten. Und auch in Japan bedarf es einer Ausweitung der unabhängigen Messungen und Forschung. So wie die geplante Strontiummessungen in Milchzähnen – ein wichtiger Indikator für die Strahlenlast, der die Kinder in Japan im Zuge der Atomkatastrophe ausgesetzt waren. Über diese wegweisende Studie und weitere Möglichkeiten unabhängiger Forschung werdet ihr morgen mehr erfahren.

Es kann nicht sein, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der Atomkatastrophen in den Händen derer liegt, die sie durch ihre Gier, ihre Ignoranz und ihre Verlogenheit überhaupt erst ermöglichten – ich spreche hier ganz konkret von der Japanischen Atomenergiebehörde JAEA, der Betreiberfirma TEPCO und der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO, der weltweit größten und wichtigsten Lobbyorganisation der Atomindustrie. Was derzeit in Japan geschieht ist, als würde man Philipp Morris die Verantwortung dafür übertragen, die gesundheitlichen Folgen des Rauchens zu untersuchen. Und UN und WHO stehen – sie schon nach Tschernobyl – mit zugehaltenen Ohren und Augen und verschlossenen Mund daneben und lassen die Atomindustrie gewähren – so groß ist der Einfluss der Atomstaaten in diesen Organisationen. Sie sind schlicht die größten Geldgeber…

Die Diskussion zu Fukushima und Tschernobyl darf aber nicht von Profiten, Macht und politischem Einfluss dominiert werden, sondern muss das Schicksal und die Gesundheit der betroffenen Menschen im Blick haben – derjenigen, die wegen der Atomkatastrophe alles verloren haben, die um ihre Gesundheit und die ihrer Kinder bangen und ein Leben ohne Angst vor der Strahlung einfordern.

Da ist sie wieder – die Ehrfurcht vor dem Leben. Was uns dabei vor allem als Ärztinnen und Ärzte antreibt und im Mittelpunkt unseres Engagements steht ist das unveräußerliche Recht eines jeden Menschen auf Gesundheit und auf ein Leben in einer gesunden Umwelt.

Morgen werdet ihr viel erfahren über die Situation derjenigen, die durch die Atomkatastrophen von Tschernobyl oder Fukushima um dieses Recht gebracht wurden. Kraftwerksmitarbeiter, Aufräum- und Rettungskräfte, Dekontaminationstrupps, Evakuierte, Menschen, die direkt dem radioaktiven Niederschlag ausgesetzt waren, die in verstrahlten Regionen leben und die mit verstrahltem Trinkwasser und kontaminierter Nahrung konfrontiert waren – und zum Teil immer noch sind. Das Problem lässt sich nicht auf einige Regionen der ehemaligen Sowjetunion oder auf die Präfektur Fukushima beschränken. Um dem großen Bedürfnis an handfesten und belastbaren Zahlen und Fakten zu begegnen, haben wir anlässlich dieses Kongresses einen ausführlichen Bericht zu den gesundheitlichen Auswirkungen der beiden Atomkatastrophen verfasst, den wir euch allen für eure Arbeit mit großer Freude zur Verfügung stellen. Diese Berichte und Zusammenstellungen, diese Bestandsaufnahme ist natürlich wichtig und notwendig, um die Probleme klar erkennen und benennen zu können. Aber wir möchten es nicht bei einer Symptombeschreibung belassen, wollen nicht nur über die atomare Bedrohung und die Fehler und Verbrechen der Vergangenheit sprechen.

Wir wollen gemeinsam mit euch allen hier im Saal den Blick wenden – von der Vergangenheit zur Zukunft – einer Zukunft ohne atomare Bedrohung. Wir haben an diesem Wochenende eine einmalige Gelegenheit, dies gemeinsam zu tun. Heute hier im Saal vereint sind AktivstInnen, WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen, besorgte BürgerInnen, Mütter, Väter, Visionäre einer Zukunft ohne atomare Bedrohung. Ich sehe einige im Saal, die sich bereits seit vielen Jahrzehnten für eine Welt frei von atomarer Bedrohung einsetzen – ja dafür gekämpft haben. Aufgerüttelt und fassungslos gemacht durch die atomaren Massenmorde von Hiroshima und Nagasaki; empört über die Unmenschlichkeit atmosphärischer Atomwaffentests, die die Welt mit radioaktivem Niederschlag überzogen; auf die Straße gebracht durch die Stationierung von Atomraketen in Europa; schockiert vom Wahnsinn der Mutually Assured Destruction – der sicheren gegenseitigen Vernichtung – und der Möglichkeit eines atomaren Winters; Widerstand leistend: gegen die Stationierung von Atomwaffen und den Bau immer weiterer Atomkraftwerke. Die Schlachten, die ihr stellvertretend für uns alle gekämpft habt – im Bonner Hofgarten, in Ramstein und Büchel, in Whyl, in der Wilster Marsch oder im Wendland – sie sind nicht vergessen.

„Lieber heute aktiv, als morgen radioaktiv“ – das war EUER Slogan – 7 Jahre vor Harrisburg und 14 Jahre vor Tschernobyl…

Heute ist klar: ihr hattet recht. Ihr standet auf der richtigen Seite der Geschichte. Heute gibt es dank euch einen breiten gesellschaftlichen Konsens in Deutschland, dass Atomkraft keine Zukunft hat.

Wenn ich durch den Saal blicke sehe ich andere, jüngere, die vor allem durch die Atomkatastrophe von Harrisburg und die Bilder des nuklearen Infernos von Tschernobyl aufgerüttelt wurden und auf die Straße gingen. Eurem Widerstand und Engagement ist es zu verdanken, dass nach Tschernobyl kein einziges Atomkraftwerk mehr in Deutschland gebaut wurde. Eurer Aufklärungsarbeit ist es zu verdanken, dass in Deutschland der Atomausstieg beschlossen werden konnte.

Ich sehe hier im Saal auch junge Menschen, für die die Auseinandersetzungen der 80’er Jahre Stoff aus dem Geschichtsunterricht sind, der NATO-Doppelbeschluss ein Begriff aus einer anderen Zeit; die sich ein geteiltes Europa mit gegen einander gerichteten Atomwaffen nicht mehr vorstellen können und für die Tschernobyl oft nur ein abstraktes Synonym für verstrahlte, lebensfeindliche Ödnis ist. Viele von Ihnen wurden politisiert als die schwarzgelbe Koalition 2010 den mühsam ausgehandelten Atomausstieg in Frage stellte. Über 100.000 Menschen umzingelten damals, wenige Monate vor Fukushima, das Regierungsviertel in Berlin. Nach der Atomkatastrophe in Japan wuchs die Empörung, der Aufschrei und die Menschenmassen auf den Straßen, bis selbst Merkel dem Druck nicht mehr stand hielt und den Atomausstieg endgültig besiegeln musste.

Damals stand ich als IPPNW Vertreter – wie viele von euch auch – als Redner auf Demos und Kundgebungen. Zur Großdemo am Kölner Rheinufer waren 40.000 Menschen gekommen. Ihnen rief ich damals zu:

„Bürgerinnen und Bürger, Mütter und Väter, und vor allem all die Jugendliche heute hier: EMPÖRT EUCH! Lasst nicht zu, dass diese gefährlichen Kraftwerke weiterhin unsere Umwelt verseuchen und uns krank machen. Schenkt euren Kindern ein Land ohne Atomkraft, eine Welt ohne das Risiko eines Super-GAUs. Informiert euch, schreibt Leserbriefe, macht Druck auf die Politik, boykottiert e-on, EnBW, Vattenfall und RWE, wechselt zu Öko-Stromanbietern, investiert in nachhaltige regenerierbare Energien, lebt bewusster, spart Strom – nur wenn jeder Einzelne umdenkt, können wir unseren Kindern eine bessere Welt ermöglichen! Heute sind wir auf dem besten Weg!“

Heute, knapp 5 Jahre später, sind einige der deutschen Atomkraftwerke vom Netz, sind einige Länder unserem Beispiel gefolgt und haben ein Ende der Atomkraft verkündet. Aber die Konsequenz mit der die Energiewende umgesetzt werden müsste lässt unsere Regierung kläglich vermissen. Es ist? denke ich, nicht übertrieben, festzustellen, dass die Bürgerinnen und Bürger die Energiewende derzeit gegen den Widerstand der Bundesregierung auf eigene Faust durchsetzen müssen – und dies auch tun. Es kann nicht sein, dass wir im 21. Jahrhundert unsere Energieprobleme mit einer Technologie aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zu lösen versuchen. So veraltet ist die Atomtechnologie schon. Auch die fossile Energieerzeugung ist keine Lösung – sondern ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Wir dürfen uns nicht auf das faule Spiel der Energieriesen einlassen, die uns vorgaukeln, dass wir nur die Wahl zwischen diesen beiden schlechten Alternativen hätten. Wir müssen uns von diesen BEIDEN überholten und ausgedienten Technologien so bald wie möglich verabschieden.

Der deutsche Atomausstieg und die Klimakonferenz von Paris haben hier erste Weichen gesetzt, der nun politische und wirtschaftliche Konsequenzen folgen sollten. Wir müssen nicht erst abwarten, bis alle Kohle-, Öl- oder Uranvorkommen aufgebraucht sind – die Steinzeit ist auch nicht zu Ende gegangen wegen eines Mangels an Steinen.

Gerade in Anbetracht der weitaus intelligenteren Alternativen, die erneuerbare Energien bieten, gibt es keine Rechtfertigung, die Bevölkerung dem Risiko einer Kernschmelze oder den katastrophalen Folgen der globalen Erderwärmung auszusetzen. Wir müssen mit offenen Augen und offenem Geist in die Zukunft schauen: Ein vollständiger und baldmöglicher Ausstieg aus der fossilen und atomaren Energiegewinnung und eine echte Energiewende hin zu 100% Erneuerbaren Energiequellen in Bürgerhand, Energieeffizienz und Energiesparen – das muss das Ziel sein. Wir könnten in Deutschland die Atomkraftwerke morgen abschalten – die Lichter würden nicht ausgehen. Wir haben genügend Überkapazitäten und würden dann zügiger die alternativen Energien ausbauen können. Der Weiterbetrieb ist keine wirtschaftliche Notwendigkeit – sondern ein Geschenk an die Betreiberfirmen, die Jahrzehntelang auf die falsche Energiestrategie gesetzt haben und jetzt die bittere Realität schlucken müssen, dass sich für ihr Geschäft seit Fukushima alles verändert hat – nur nicht ihre Denkweise.

Und wenn wir schon dabei sind – ein „vollständiger Atomausstieg“ muss auch die Urananreicherungsanlage in Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen einschließen, die bislang vom Ausstiegsbeschluss ausgeklammert wurden. Sich über den Atommüll beklagen und gleichzeitig tagtäglich immer weiteren herstellen – das geht nicht. Aber – auch das muss uns klar sein: Wir können das hier in Deutschland nicht im Alleingang schaffen – deshalb ist es so wichtig, dass heute so viele TeilnehmerInnen aus aller Welt gekommen sind – aus den USA, aus Kanada, Großbritannien, Norwegen, Finnland, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Ungarn, Slovenien, Serbien, Griechenland, Weißrussland, Kasachstan, Südkorea, Japan und Australien. Eine Energiewende die den Namen verdient kann nur international erfolgreich sein. Und dahin ist es ein weiter Weg – man muss nur nach Großbritannien schauen, wo in Hinkley Point mit französischer und chinesischer Hilfe derzeit allen Ernstes ein neues Atomkraftwerk geplant wird. Oder eben nach Japan, wo die Regierung trotz Fukushima und dem enormen Potentiale für alle Formen von erneuerbaren Energien weiter an der Atomkraft festhält. Umso wichtiger, dass wir uns an diesem Wochenende unseres gemeinsamen Zieles vergewissern und den Weg vorzeichnen.

Wo wir auf diesem Weg stehen und was noch passieren muss, damit wir alle hier eine Zukunft ohne atomare Bedrohung erleben werden, wird an diesem Wochenende DAS Thema sein, bei dem ihr alle mit euren diversen Erfahrungen, eurer unterschiedlichen Sozialisierung und Politisierung und euren vielfältigen Talenten und Fähigkeiten gebraucht werdet.

Wir brauchen die AktivistInnen, die auf die Straße gehen, die WissenschaftlerInnen, die Studien publizieren, die begnadeten RednerInnen und SchreiberInnen, die die Bevölkerung mitreißen und aufklären, die Mediziner, die die gesundheitlichen Auswirkungen erläutern, die PädagogInnen, JuristInnen, IngenieurInnen, JournalistInnen, PolitikerInnen, Mütter, Väter, die Jugend- schlicht euch alle, wenn wir aus der katastrophalen atomaren Vergangenheit lernen und eine Welt ohne atomare Bedrohung realisieren wollen. Euch alle für ein Wochenende zusammenzubringen, euch mit einander bekannt zu machen und euch mit den aktuellsten Informationen und Erkenntnissen auszustatten, damit wir in Zukunft weiter gemeinsam an diesem Ziel arbeiten können – nichts weniger haben wir uns mit diesem Kongress vorgenommen. Wir hoffen, ihr nehmt unsere Einladung an.

Hören Sie die Rede von Dr. Alexander Rosen bei Voice Republic.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.